Freiwillig ist, was echt freiwillig geschieht

Was heisst «echt freiwillig»? Der Zivildienst als ein Beispiel für «Voluntolding» - Eine Reaktion auf den Beitrag von Dr. Herbert Amman („Freiwillig ist, was echt freiwillig geschieht“) aus dem letzten Newsletter – von Dr. Daniel Weyermann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Vollzugsstelle für den Zivildienst (Schweiz) 

Hinweis: Den Beitrag von Dr. Herbert Ammann finden Sie weiter unten.
 
In der Debatte darüber, wie sich Freiwilligenarbeit kategorisieren lässt, ist der Begriff «Voluntolding» als eine Mischform von Zwang und Freiwilligkeit aufgekommen. Zivildiensteinsätze können als Ausprägung von «Voluntolding» beschrieben werden. Der zivile Ersatzdienst ist – neben Armee, Zivilschutz und Wehrpflichtersatzabgabe – eine Form der Erfüllung der verfassungsmässigen Dienstpflicht. Gleichzeitig haben Zivis für die Organisation ihrer Einsätze gewisse Handlungsspielräume. Mit Blick auf den Zivildienst lässt sich sagen, dass Mischformen von Zwang und Freiwilligkeit bei Einsätzen üblich sind.  

Demokratische Gemeinwesen sind auf Freiwilligenarbeit angewiesen. Dies gilt insbesondere für Gemeinwesen wie die Schweiz, in denen das Milizprinzip grossgeschrieben wird. Freiwilligenarbeit, ob formell in Institutionen und Gemeinden oder informell in Nachbarschaftshilfen und Vereinen verrichtet, ist ein wichtiges und hochgeschätztes Gut. Das Gemeinwohl profitiert in hohem Masse davon. Soweit dürfte Einigkeit bestehen. Weniger klar ist allerdings, was Freiwilligenarbeit genau ist und was alles als solche gelten kann. Im letzten Newsletter von «freiwillig.engagiert» (Dezember 2017) hat Dr. Herbert Ammann die Typologie von Freiwilligenarbeit der drei englischen Wissenschaftlerinnen Mihaela Kelemen, Anita Mangan und Susan Moffat unter die Lupe genommen und kritisiert. Die Wissenschaftlerinnen teilen Freiwilligenarbeit in vier Kategorien ein: altruistisch, instrumentell, militant und erzwungen («Voluntolding»). Diese Kategorisierung ist nach Dr. Ammann als Analyseinstrument nicht brauchbar. Sie leiste auch der Tendenz Vorschub, die Freiwilligenarbeit zu vereinnahmen oder prekäre Arbeitsverhältnisse (wie etwa 1-Euro-Jobs in Deutschland) in die Nähe von Freiwilligenarbeit zu rücken. Nötig sei daher eine klarere und der Sache angemessene Begrifflichkeit. Ein zentrales Anliegen ist für Dr. Ammann dabei, dass der Kern der Freiwilligkeit – «Freiwillig ist, was echt freiwillig geschieht» – gewahrt bleibt.

Die Bedenken über die Vereinnahmung und Entwertung von Freiwilligenarbeit mögen berechtigt sein. Das Pochen auf eine einfachere und klarere Definition von Freiwilligenarbeit sowie die darauf beruhende Skepsis gegenüber den Analysen von Kelemen et al., oder zumindest Teilen davon, scheinen hingegen unangebracht. Denn eine einfachere Definition von Freiwilligenarbeit birgt Gefahren, insbesondere diejenige, an sozialen Realitäten vorbeizuzielen. Nachfolgend einige Gründe für diese Sichtweise. 

Freiwilligenarbeit: eine definitorische Knacknuss

Was bedeutet «Freiwilligkeit»? Antworten darauf füllen Bücher. Kelemen et al. weisen selber auf die vielschichtige Geschichte und begriffliche Komplexität von «Freiwilligkeit» und «Freiwilligenarbeit» hin (S. 1240-1241). Eine Auslegeordnung zu dieser Komplexität und Schwierigkeit findet sich auch in Lesley Hustinx et al. (2010) oder im Manual zur Messung von Freiwilligenarbeit der International Labour Organization (2011). Hier wird etwa ersichtlich, dass die Abgrenzung freiwilliger Tätigkeiten von anderen Tätigkeiten (z. B. sozialem oder politischem Aktivismus, bezahlter Arbeit, spontaner Hilfe, Unterstützung von Familie und Freunden etc.) nicht einfach ist – obwohl viele davon ebenfalls «freiwillig» geschehen. Auch arbeiten Wissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen (etwa Ökonomen, Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler) mit verschiedenen Konzeptionen von Freiwilligkeit und Freiwilligenarbeit. Das führt oft zu unterschiedlichen Vorstellungen davon, was Freiwilligenarbeit genau ist, weshalb sie verrichtet wird und was sie bewirkt. Entsprechend unterschiedliche Fragen zur Freiwilligenarbeit werfen diese verschiedenen Konzeptionen denn auch auf. Eine einfache und eindeutige Definition von «Freiwilligkeit» und «Freiwilligenarbeit», die gleichzeitig der Komplexität dieses sozialen Phänomens Rechnung trägt, scheint daher aussichtslos.

Die vier Kategorien von Freiwilligenarbeit versuchen dieser Komplexität des Phänomens Rechnung zu tragen. Kritik wird insbesondere am Begriff des Voluntolding geübt. Bei Voluntolding handelt es sich um «erzwungene Freiwilligenarbeit». Es ist eine Verschmelzung der englischen Wörter «volunteering», was Freiwilligenarbeit bedeutet, und «told», was befohlen bedeutet. Man mag sich fragen, wie ein solch widersprüchlicher Begriff überhaupt Eingang in wissenschaftliche Analysen finden konnte. Die Kategorie des Voluntolding, so widersprüchlich sie im ersten Moment scheinen mag, macht aber durchaus Sinn. Das zeigt etwa der Fall des Schweizer Zivildienstes.

Jeder Schweizer ist verpflichtet Militärdienst zu leisten. Das Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst (Zivildienst) vor für Militärdienstpflichtige, die den Militärdienst nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können (Bundesverfassung Art 59 Abs. 1 und Zivildienstgesetz Art. 1). Der Zivildienst ist also grundsätzlich wie der Militärdienst eine verfassungsmässige Pflicht.[1] Trotzdem können viele Zivildiensteinsätze als Ausprägung von Voluntolding beschrieben werden. Denn den Zivis, wie Zivildienstpflichtige kurz genannt werden, wird für die Organisation ihrer Einsätze Eigenverantwortung abverlangt und Entscheidungsspielraum gewährt. Ob ein Einsatz mehr «voluntary» (freiwillig) oder mehr «told» (befohlen) ist, hängt vom einzelnen Zivi und vom konkreten Einsatz ab 

Pflicht und Handlungsspielräume: Das Beispiel des Zivis Z

Nehmen wir zur Illustration des Voluntolding-Charakters von Zivildiensteinsätzen das fiktive Beispiel des Zivis Z. Der Schweizer Pass bringt für Z die Bürgerpflicht mit sich, Militärdienst zu leisten (BV Art. 59 Abs. 1). Da er bei der militärischen Rekrutierung für tauglich befunden wurde, muss er diesen Dienst als Angehöriger der Armee leisten (wäre er nicht militärdiensttauglich, müsste er entweder Schutzdienst im Zivilschutz leisten oder eine Wehpflichtersatzabgabe bezahlen). Z plagt aber ein Gewissenskonflikt: Er kann sich nicht vorstellen, Kriegshandwerk zu erlernen und im Extremfall Menschen zu töten – das ist für ihn vor dem Hintergrund seiner moralischen Überzeugungen unvorstellbar. Deshalb beantragt er die Zulassung zum «zivilen Ersatzdienst», oder Zivildienst, der ebenfalls in der Verfassung vorgesehen ist (ebenfalls BV Art. 59 Abs. 1). Dieser dauert 1,5-mal so lange, wie der Militärdienst dauern würde. Z ist bereit, diese längere Dauer auf sich zu nehmen. Er erbringt damit den «Tatbeweis», dass er aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten will.

Nachdem Z zum Zivildienst zugelassen ist, steht die Planung des ersten Einsatzes an. Zur Planung der Einsätze bestehen klare Vorgaben und Regeln. So muss der erste Einsatz etwa spätestens im Kalenderjahr nach der Zulassung zum Zivildienst beginnen (ZDG Art. 21 Abs. 1). Spätestens ab dem zweiten Jahr muss er jährlich einen Einsatz von mindestens vier Wochen leisten (ZDV Art. 39a Abs. 1). Bei gewissen Einsätzen, für die sich Z interessiert, muss er zudem Ausbildungskurse besuchen (ZDG, Art. 36a). Da Z die Rekrutenschule nicht absolviert hat, muss er auch einen langen Einsatz von mindestens sechs Monaten leisten (ZDV Art. 37, Abs. 1). Dieser lange Einsatz muss bis zum Ende des dritten Kalenderjahres, das der Zulassung zum Zivildienst folgt, abgeschlossen sein (ZDV Art. 39a, Abs. 2). Für die Zivildiensteinsätze beträgt die Mindestdauer generell vier Wochen (ZDV Art. 38, Abs. 1). Die Auswahl der Einsätze wird für Z zudem dadurch eingeschränkt, dass er den sechsmonatigen Einsatz in einem Schwerpunktprogramm leisten muss. Falls Z seine Einsätze nicht fristgerecht plant, drohen ihm Aufgebote von Amtes wegen, bei denen Einsatzort, Einsatzdauer und Einsatzzeitpunkt verordnet werden. Solche Instrumente – sei es durch direkte oder indirekte Wirkung – gewährleisten, dass über 95 % der Zivis bei ihrer Entlassung alle verfügten Zivildiensttage geleistet haben. Soviel zum Aspekt «told» (befohlen) des Zivildienstes, d. h. der Dienstpflicht sowie den Vorgaben und Regeln für dessen Vollzug.

Diesem Pflichtcharakter steht der Entscheidungsspielraum und die Eigenverantwortung – der Aspekt «voluntary» (freiwillig) – bei der Planung der konkreten Zivildiensteinsätze gegenüber. So steht es Z etwa im vorgegebenen Rahmen frei, bei welchem Einsatzbetrieb, wann und wie lange er den einzelnen Einsatz leistet. Solche Entscheide fällt Z «freiwillig» zusammen mit dem Einsatzbetrieb. Er gleicht darin einem Freiwilligen bei einer gemeinnützigen Institution, der sich ein Betätigungsfeld und einen Ort für sein bürgerschaftliches Engagement aussucht. Diese «voluntary»-Elemente des Zivildienstes sind wichtig: Sie geben Zivis die Möglichkeit, ihre Kräfte in den Dienst einer in ihren Augen sinnvollen, guten Sache zu stellen. Das wirkt sich positiv auf ihre Motivation und den Nutzen der Einsätze aus. Die durchschnittlich gute Benotung der Zivildiensteinsätze durch die Einsatzbetriebe lässt den Schluss zu, dass ein Grossteil der Zivis ihre Einsätze engagiert leistet und gut arbeitet. Im Jahr 2017 lag die durchschnittliche Benotung des Nutzens der Zivildiensteinsätze durch die Einsatzbetriebe bei 5,5 (wobei 1 „sehr schlecht“ und 6 „sehr gut“ bedeutet).

Der persönliche Dienst und der «blaue Weg»

Der folgende Aspekt zeigt, dass Militär- und Zivildienst nicht in einem absoluten Sinn Zwangscharakter haben müssen, sondern teilweise auch von einem bewussten Entscheid geprägt sein können: Wer sich der Militär- oder Zivildienstpflicht zu entziehen sucht, mag anstreben, sich aus (tatsächlichen oder vorgetäuschten) medizinisch-psychologischen Gründen für militärdienstuntauglich erklären zu lassen («blauer Weg»). Dazu, ob sich «Dienstpflichtige mit medizinischen Gefälligkeitsgutachten oder dem Vorspiegeln falscher Tatsachen der Dienstpflicht entzögen», schreibt der Bericht der Studiengruppe Dienstpflichtsystem, die vom Bundesrat eingesetzt wurde (S. 99): «Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dies vorkommt. In gewissen Fällen besteht allerdings auch Ermessensspielraum, der von den Militärärzten genutzt werden soll, um die Gesamtsituation eines Pflichtigen zu würdigen.» Die Gründe für die Militärdienstuntauglichkeit sind zu rund 40 % rein psychischer Natur. Ein Gewissenskonflikt kann sich auch psychisch als Gewissensnot äussern; und der Gewissenskonflikt wird auch gelöst, wenn man militärdienstuntauglich erklärt wird. Es ist deshalb möglich, dass Z mit guten, aufrichtigen Motiven, aus psychischer Gewissensnot, die Militärdienstuntauglichkeit anstrebt. Wenn er sich nun trotzdem seiner Dienstpflicht im Zivildienst stellt, dann kann dies ein mögliches Element von Freiwilligkeit beim Leisten des Zivildienstes darstellen. Dasselbe kann analog natürlich auch für Stellungspflichtige gelten, die sich ihrer Dienstpflicht im Militärdienst stellen.

Zum Abschluss: «Voluntolding» als spezifische Kategorie von Engagement

Die beiden Seiten «told» (Dienstpflicht, Vorgaben und Regeln) und «voluntary» (Entscheidungsspielraum, Eigenverantwortung und persönliches Wahrnehmen der Dienstpflicht) machen Zivildiensteinsätze zu einer speziellen Form des Voluntolding. Die Kategorie entstammt zwar einer Debatte über Formen von Freiwilligkeit. Sie beschreibt bei näherem Betrachten aber auch Aspekte der Dienstpflicht treffend. Dies lässt den Schluss zu, dass die Kategorie durchaus Sinn macht. Sie hilft dabei, die Mischformen von Freiwilligkeit, bürgerschaftlichem Engagement und Dienstpflicht zu beschreiben.

 

Literaturverzeichnis:

 

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV), Bern 1999 (Stand: 12. Februar 2017)

Floris, J., Staub, K., Rühli, F., Analyse möglicher Ursachen für die kantonalen Unterschiede in den Militärtauglichkeitsraten. Bericht zuhanden des Oberfeldarztes der Schweizer Armee, Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich, Zürich 2016

Friedli, D., Nowotny, S., Untauglich wegen Grössenwahn, in: Neue Zürcher Zeitung vom 8. September 2013, https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/untauglich-wegen-groessenwahn-1.18146664, Stand: 5.3.2018

Hustinx, L., Cnaan, R.A., Handy F., Navigating Theories of Volunteering. A Hybrid Map for a Complex Phenomenon, in: Journal for the Theory of Social Behaviour 40 (4), S. 410-434

International Labour Organization (ILO), Manual on the Measurement of Volunteer Work, Geneva 2011

Kelemen, M, Mangan, A., Moffat S. (2017): More Than a ‘Little Act of Kindness’? Towards a Typology of Volunteering as Unpaid Work, in: Sociology 51(6), S. 1239–1256

Personelles der Armee/Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Die Armee in Zahlen, Bern 2018 (https://www.vbs.admin.ch/de/vbs/zahlen-fakten/armee.html, Stand 5.3.2018)

Schweizer Armee, Tauglichkeit der endgültig beurteilten Stellungspflichtigen 2017 nach Kantonen, Bern 2018 (https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/51588.pdf, Stand: 9.3.2018)

Schweizerische Eidgenossenschaft/Studiengruppe Dienstpflichtsystem: Bericht der Studiengruppe Dienstpflichtsystem, Bern 2016

Zivildienstgesetz (ZDG) der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bern 1995 (Stand: 1. Juli 2016)

Zivildienstverordnung (ZDV) der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bern 1996 (Stand: 1. Januar 2018)

[1] Zum Dienstpflichtsystem der Schweiz gehören zudem der Zivilschutz, ferner die finanziellen Regelungen Wehrpflichtersatz und Erwerbsersatz.

Eine Reaktion von Dr. Herbert Ammann auf den Kurzbericht im Newsletter Nr. 14 vom Mai 2017

„Freiwilligenarbeit ist nicht gleich Freiwilligenarbeit“, titelte im sommerlichen Newsletter des Netzwerks freiwillig.engagiert der Kurzbericht über eine Studie der drei englischen Soziologinnen Mihaela Kelemen, Anita Mangan und Susan Moffat. Sie schufen für die Freiwilligenarbeit vier Kategorien: altruistisch, instrumentell, militant und erzwungen. Ich will mich zur Frage der „Freiwilligkeit“ der Freiwilligkeit nicht dort äussern, wo sich diese gesellschaftliche Realität zeigt, sondern dort, wo die Wissenschaft sich, ungenügend reflektiert, dieser Realität bemächtigt. Die Diskussion um die normative Orientierung der Freiwilligkeit und der Freiwilligenarbeit ist nicht neu, auch nicht in der wissenschaftlich-begrifflichen Fassung. Sie muss immer wieder bewusst geführt werden. 
In der Studie „More Than a ‘Little Act of Kindness’? Towards a Typology of Volunteering as Unpaid Work“ meinen die drei Soziologinnen, dass sie eine neue Typologie von Freiwilligenarbeit würden kreieren können. Doch mindestens drei der vier kategorie-bildenden Begriffe sind normativ aufgeladen, nämlich die Adjektive altruistisch, militant und erzwungen. So wie die Autorinnen bezüglich Freiwilligkeit die vierte Kategorie „instrumentell“ brauchen, muss man annehmen, dass auch dieser Begriff stark normativ determiniert ist. Der Begriff der erzwungenen Freiwilligenarbeit ist in sich ein derartiger Widerspruch, dass man sich nur wundern kann, dass er überhaupt Einlass in die wissenschaftliche Diskussion zu finden vermochte.
Es gibt Arbeiten, zu denen Individuen gezwungen werden und die weder bezahlt noch auf andere Weise entschädigt werden. Das beginnt bei Strafaufgaben, führt über Arbeitslager, Sklaverei bis zur Miliz. Miliz kennen wir auch in unseren demokratischen Staaten und schätzen sie. Sie fasst demokratisch beschlossene Arbeit(en) im Dienste des Gemeinwesens zusammen und ist so gesehen auch demokratischer Ausdruck des Gemeinwesens. Doch in allen diesen Fällen von Freiwilligenarbeit zu sprechen ist absurd. Selbst dann, wenn sich Individuen gezwungen fühlen, eine Aufgabe zu übernehmen, weil sie im Weigerungsfall Nachteile befürchten (z.B. soziale Missbilligung oder den Vorwurf der Rosinenpickerei), kann m.E. der Begriff der erzwungenen Freiwilligkeit nicht gebraucht werden. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn vor etwa vierzig Jahren die Jünger des Baghwan „worshippten“ und so ihrem Guru auch noch einen einundzwanzigsten Rolls Royce ermöglichten, war das zumindest aus der Sicht der worshippenden Menschen nicht erzwungen. Von aussen zu urteilen, dass es sich halt doch um erzwungene Arbeit handelt, ist eine politische und keine wissenschaftliche Aussage und stellt den freien Willen dieser Baghwan-Jünger in Abrede. Entscheidender und wissenschaftlich einträglicher ist zu fragen, auf Grund welcher Motive, Hoffnungen und Ängste Menschen sich in vorauseilendem Gehorsam zu gefallsüchtigem Verhalten und Arbeiten verleiten lassen. Oder um die Frage politischer zu stellen: Welche gesellschaftlichen Strukturen und Voraussetzungen braucht es, damit Menschen sich zu Gunsten anderer selbst ausbeuten?
Auch der Begriff des „militant volunteerings“ ist bei näherer Betrachtung nicht sehr hilfreich. Selbst dessen Anwendung auf besonders extreme Gruppen, seien sie religiöser, politischer oder ideologischer Art, kann die Diskussion nicht weiterbringen. Militanz ist in solchen Fällen entscheidendes Merkmal der Gruppe selbst.  Innerhalb der Gruppe finden wir Wettbewerb als zentrales Element, er ist zweckhaft fest installiert, Merkmal der entsprechenden Organisation/Gruppe selbst. Wer am meisten zur Realisierung der Gruppenziele beiträgt, aber auch umgekehrt, wer gegebenenfalls bestraft, ausgeschlossen, weil sie/er zu geringen Einsatz zeigt. Selbst wenn man das auf unsere Alltagswirklichkeit zurücknehmen will, stark ausgeprägte Konkurrenz in der Erreichung der Ziele, z.B. bei manchen Sportvereinen, so hilft diese Kategorie kaum weiter, allenfalls bildet sich eine Organisationsstruktur, welche Gratifikationsmuster und –formen ausbildet, welche diesem ausgeprägten Wettbewerbscharakter speziell Rechnung tragen.
Die Zuordnung der empirischen Realität zu diesen vier verschiedenen Kategorien dürfte nicht einfach sein. Die gleiche Tätigkeit kann durchaus Anteile von mehreren Kategorien beinhalten, bzw. im Ablauf können die verschiedenen Kategorien sowohl aus der Sicht der Freiwilligen, der Organisationen oder der aussenstehenden politischen und wissenschaftlichen Beurteiler mehr oder weniger Bedeutung haben. Der Jünger des Baghwan wirbt auf der Strasse für seinen Guru, bettelt, singt sein Mantra, um die Passanten zu segnen, und dies alles freiwillig im Sinne von unbezahlt. Der altruistische Teil dieses Tuns ist die Gemeinschaft rund um den Guru zu stärken, sowie seine Botschaft zu verbreiten, von der man ja selbst überzeugt ist. Instrumentell dabei ist, dass erfolgreiche Tätigkeit, Geld und weitere Anhänger sammeln, die Chance verbessert, vermehrt in die Nähe des Gurus zu kommen, bzw. in der formellen und oder informellen Hierarchie aufzusteigen. Schliesslich kann das Ganze auch eine Portion Militanz beinhalten. Denn je erfolgreicher die Gruppe, desto höher sind die eigenen Chancen an Bedeutung zulegen zu können. Aus der Sicht der Organisation, des Gurus und des engsten Umfeldes darf es instrumentell sein, solange beim entsprechenden Individuum der altruistische Teil, auch andere zu bewegen, es ihm gleich zu tun, nicht zu kurz kommt. Von aussen gesehen besteht eine starke Neigung, dies als erzwungen abzutun; nur schon deshalb, weil so viel Selbstaufgabe nicht ins Menschen- und Weltbild der politischen und wissenschaftlichen Mehrheit passt.

Wissenschaft und Politik haben unterschiedliche Aufgaben
Der Weg vom Freiwilligen-Monitor Schweiz und vom Freiwilligensurvey in Deutschland erscheint mir erfolgversprechender zu sein. Beide arbeiten mit einer sauberen Begrifflichkeit und generieren so Resultate, welche in der Lage sind, auch zu Freiwilligkeit und deren gesellschaftlicher Bedeutung eine bewusste politische Auseinandersetzung zu führen.
Es ist richtig und hilfreich, wenn in Studien auch versteckte, gar unbewusste und weniger edle Motivationen erfragt und erfasst werden. Es ist ebenfalls richtig, wenn bei den Interessen der Organisationen auch nach allenfalls lockenden, verlockenden und manipulativen Tendenzen gefragt wird, welche manchmal den freien Willen der angesprochenen Menschen einschränken. Das kommt ohne Zweifel vor. Und schliesslich ist es geradezu selbsterhaltend, wenn immer wieder auch nach den fördernden und hindernden gesellschaftlichen Faktoren für Freiwilligkeit im Allgemeinen und Freiwilligenarbeit im Speziellen gefragt wird. Das ist sowohl eine Aufgabe der Wissenschaft als auch der Politik. Die von den drei Autorinnen vorgeschlagenen Kategorien tragen allerdings wenig zur notwendigen Klarheit bei, weder politisch noch für die wissenschaftliche Forschung.
Voraussetzung für gute Wissenschaft und gute Politik ist eine strenge, der Sache angemessene und normativ nicht manipulative Begrifflichkeit. Vor allem Letzteres ist im Fall der Freiwilligenarbeit von entscheidender Bedeutung.  Das ist eine unmittelbare Folge der hohen legitimierenden Wirkung von Freiwilligkeit, bzw. Freiwilligenarbeit für denjenigen gesellschaftlichen Akteur, der in der Lage ist, sie in hohem Masse zu kontrollieren, bzw. an sich binden zu können.
Dass das nicht immer so ist, zeigt u.a. auch der letzte Newsletter von „Freiwillig engagiert“. Er verweist auf das Parteiprogramm der SPD im vergangenen Wahlkampf. So erfreulich es ist, dass die SPD das Ehrenamt fördern will, so nimmt der geneigte Leser bei etwas genauerer Lektüre auch zur Kenntnis, dass die konkreten Formen immer mit Postulaten der SPD verbunden sind. Das darf sein, ist legitim. Es ist aber auch notwendig darauf hinzuweisen, dass es bei einer Umsetzung des einen oder anderen Programmpunktes zu der Sache nicht dienlichen inhaltlichen Einengungen kommen wird.
Der (politische) Ausgangspunkt der drei britischen Forscherinnen war das Unbehagen an der Vereinnahmung einerseits des Freiwilligkeitsbegriffs und in noch höherem Ausmass der so entstandenen und immer neu entstehenden gesellschaftlichen Ressourcen von erheblichem Umfang. So konnte sich der frühere Präsident der SGG, Heiner Tuggener, sehr darüber ärgern, als man im schweizerischen Strafvollzug für kleine Delikte die sogenannte „Gemeinnützige Arbeit“ als mögliche Sanktion eingeführt hatte. Er hatte Recht, es handelte sich auf der Ebene der Strafzumessung um eine Form von Zwangsarbeit. Ob sie im jeweiligen Einzelfall wenigstens eine gemeinnützige Zielsetzung hatte, muss in jedem Fall neu entschieden werden. Das Herausschneiden von Markennamen bei Jeansfälschungen würde ich jedenfalls nicht als gemeinnützig bezeichnen. In vergleichbarer Weise ist es auch eine Unsitte, die 1-Euro-Jobs nur schon in die Nähe von Freiwilligenarbeit zu rücken; selbst dann nicht, wenn ich es ebenso richtig finde, wenn diese 1-Euro- Jobs oder Jobs für Sozialhilfe-Empfänger oder Asylsuchende möglichst sinnvolle Tätigkeiten sind; nur so kann eine positive Besetzung des Begriffs Arbeit wieder wachsen. Insofern eignen sich Arbeiten im Dienste des Gemeinwesens besonders gut für Programme, welche die Sinnhaftigkeit von Arbeit erfahren lassen. In dieser Sinnhaftigkeit besteht eine gewisse Nähe dieser gemeinwesenzentrierten Arbeiten zur Freiwilligenarbeit.
Ebenfalls richtig ist, dass seit längerer Zeit das Bedürfnis Freiwilligenarbeit zu kontrollieren zugenommen hat. Vor allem dann, wenn sie erfolgreich ist. Wenn eine Kategorie menschlicher Tätigkeit so um die 10% des Gesamtproduktes. BSP, einer Gesellschaft beträgt, ist es nicht verwunderlich, wenn das Interesse all jener weckt, welche, den Gang der Dinge, die Politik vom lokalen bis zum globalen, beeinflussen wollen. Aus diesem Grund hat das BfS vor gut zwanzig Jahren, im Sinne eines sogenannten Satellitenkontos, begonnen die unbezahlte Arbeit mit dem BSP zusammen ausgewiesen. Es war ein Postulat der Frauenbewegung, denn diese Zahlen lieferten die Grundlagen für Argumente für eine bessere, gerechtere, sinnvollere Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern. Dass die unbezahlte Arbeit im Haushalt und in der Familie etwa ein Viertel des BSP ausmacht, liess auch Männer leicht erschauern und ihr Verhalten ändern, wenn auch nicht so schnell wie viele hofften.
Glücklicherweise kenne ich keinen einzigen gelungenen Versuch, der die Freiwilligenarbeit, betriebswirtschaftlich vernünftig und für die betreffende Organisation vorteilhaft in die Erfolgsrechnung hätte integrieren können. So bleibt der Versuch die Freiwilligenarbeit politisch zu instrumentalisieren, im Wesentlichen auf den jeweiligen argumentativen Nutzen für bestimmte Anliegen beschränkt, z.B. den Jugendurlaub oder Auszeichnung z.B. zum „Freiwilligen des Jahres. Der genuine Charakter der Freiwilligkeit der Arbeit hat unmittelbar zur Folge, dass die Freiwilligenarbeit anders organisiert, gestaltet, durchgeführt, kontrolliert und bewertet wird als Erwerbsarbeit. Allein die Tatsache und das Wissen aller Beteiligten darum, dass jede und jeder die Freiwilligenarbeit jederzeit unterbrechen oder gar aufgeben kann, führt zu dieser anderen Qualität. Sie lässt sich auch nicht mit irgendeinem Multiplikator in Erwerbsarbeitseinheiten umrechnen und bleibt so der betriebswirtschaftlichen Berechnung faktisch entzogen.

Konsequenzen für eine zukunftsträchtige Freiwilligkeitspolitik
Freiwilligkeit ist ein wichtiges und darum zu pflegendes Gut. Sie soll so intensiv wie möglich gefördert werden, und es muss alles vermieden werden, dass nur schon den Anschein erweckt, dass Freiwilligkeit gefordert oder gar verordnet wird.  Freiwilligkeit kann nur dann gedeihen, wenn allen Menschen auch das Recht zugebilligt wird, nicht freiwillig tätig zu sein. Wer in diesen politischen Förderprozess einsteigt, bzw. sich daran beteiligt, hat diesen Grundsatz glaubhaft zu leben, sei es als Staat, als Organisation oder als Individuum. Damit dieser Prozess so optimal und umfassend wie immer möglich geschehen kann, brauchen wir eine wissenschaftliche Begrifflichkeit, welche diesen Anspruch auch verdient und ein politisches Engagement, welche den grundlegenden demokratischen Wert der Freiwilligkeit schätzt und fördert.